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Was ist die Steuererklärungspflicht?

Kirsten Weißbacher
Verfasst von Kirsten Weißbacher
Zuletzt aktualisiert: 31. März 2026
Lesedauer: 8 Minuten

Alles auf einen Blick

  • Die Steuererklärungspflicht entsteht durch Gesetz oder durch Aufforderung des Finanzamts, insbesondere nach § 25 Abs. 3 EStG, § 46 Abs. 2 EStG, § 56 EStDV und § 149 Abs. 1 AO.
  • Bei Arbeitnehmern sind vor allem Fälle relevant, in denen die positive Summe der Einkünfte, die nicht dem Steuerabzug vom Arbeitslohn unterworfen waren, oder die positive Summe der dem Progressionsvorbehalt unterliegenden Leistungen mehr als 410 Euro beträgt, mehrere Arbeitgeber nebeneinander Arbeitslohn zahlen oder weitere Tatbestände des § 46 Abs. 2 EStG erfüllt sind.
  • Bei Personen ohne lohnversteuerte Einkünfte knüpft § 56 EStDV an den Grundfreibetrag an; 2026 beträgt er 12.348 Euro, bei Ehegatten in dem dort geregelten Fall 24.696 Euro.
  • Bei Einkünften aus Land- und Forstwirtschaft, Gewerbebetrieb oder selbständiger Arbeit ist die Einkommensteuererklärung grundsätzlich elektronisch zu übermitteln, soweit es sich nicht um Veranlagungsfälle nach § 46 Abs. 2 Nr. 2 bis 8 EStG handelt; bei unbilliger Härte kann das Finanzamt auf Antrag darauf verzichten, § 25 Abs. 4 EStG.
  • Eine Pflicht besteht außerdem bei festgestelltem Verlustvortrag oder nach ausdrücklicher Aufforderung des Finanzamts; bei verspäteter Abgabe kann ein Verspätungszuschlag festgesetzt werden, § 56 Satz 2 EStDV, § 149 Abs. 1 Satz 2 AO, § 152 AO.

Steuererklärungspflicht Definition

Die Steuererklärungspflicht ist die gesetzliche Pflicht, für einen Veranlagungszeitraum eine Einkommensteuererklärung abzugeben. Für die Einkommensteuer folgt sie vor allem aus § 25 Abs. 3 EStG, § 46 Abs. 2 EStG, § 56 EStDV und § 149 Abs. 1 AO.

Wie wird die Steuererklärungspflicht berücksichtigt?

Gesetzliche Einordnung

RechtsgrundlageKernaussageRolle
§ 25 Abs. 3 EStGDie steuerpflichtige Person hat für den Veranlagungszeitraum eine Einkommensteuererklärung abzugeben.Grundregel
§ 46 Abs. 2 EStGBei Arbeitslohn mit Lohnsteuerabzug wird nur in gesetzlich bestimmten Fällen veranlagt.Arbeitnehmer
§ 56 Satz 1 EStDVOhne oder neben lohnversteuerten Einkünften entstehen weitere Pflichtfälle.Ergänzung
§ 149 Abs. 1 AOEine Pflicht besteht auch nach Aufforderung durch die Finanzbehörde.Aufforderung

Praktisch wird die Steuererklärungspflicht in vier Fragen geprüft:

  1. Liegt Arbeitslohn vor, von dem Lohnsteuer einbehalten wurde?
  2. Falls ja, greift ein Tatbestand des § 46 Abs. 2 EStG?
  3. Falls nein, übersteigt der Gesamtbetrag der Einkünfte den maßgeblichen Grundfreibetrag nach § 56 EStDV?
  4. Liegen Sonderfälle wie Verlustvortrag, elektronische Pflichtübermittlung oder eine Aufforderung des Finanzamts vor?

Für Arbeitnehmer ist § 46 Abs. 2 EStG die zentrale Vorschrift. Wichtige Fälle sind insbesondere positive Nebeneinkünfte oder dem Progressionsvorbehalt unterliegende Leistungen von mehr als 410 Euro, Arbeitslohn von mehreren Arbeitgebern nebeneinander, zusammen zu veranlagende Ehegatten mit Arbeitslohn beider Ehegatten und Besteuerung eines Ehegatten nach Steuerklasse V oder VI oder mit Faktor sowie berücksichtigte Freibeträge nach § 39a EStG.

Liegt kein Arbeitslohn mit Lohnsteuerabzug vor, richtet sich die Pflicht regelmäßig nach § 56 EStDV. Dann ist vor allem zu prüfen, ob der Gesamtbetrag der Einkünfte den Grundfreibetrag übersteigt. Bei Ehegatten, von denen keiner die Einzelveranlagung wählt und keiner lohnversteuerte Einkünfte bezogen hat, ist das Zweifache des Grundfreibetrags maßgeblich.

Unabhängig von diesen typischen Tatbeständen besteht eine Pflicht auch dann, wenn das Finanzamt zur Abgabe auffordert, § 149 Abs. 1 Satz 2 AO. Erzielt jemand Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft, Gewerbebetrieb oder selbständiger Arbeit, ist die Erklärung im Anwendungsbereich des § 25 Abs. 4 EStG grundsätzlich elektronisch zu übermitteln.

Praktische Beispiele

Beispiel 1: Arbeitnehmer mit Nebeneinkünften

Ein Arbeitnehmer erzielt neben seinem lohnversteuerten Arbeitslohn 600 € positive Nebeneinkünfte. Prüfung: 600 € > 410 €.

PostenBetragEinordnung
Positive Nebeneinkünfte ohne Lohnsteuerabzug600 €relevant
Grenze nach § 46 Abs. 2 Nr. 1 EStG410 €überschritten
FolgeErklärungspflicht

Ergebnis: Wegen positiver Nebeneinkünfte von mehr als 410 € ist eine Einkommensteuererklärung abzugeben.

Beispiel 2: Selbständiger ohne Arbeitslohn

Eine freiberuflich tätige Person erzielt im Jahr 2026 nur Einkünfte aus selbständiger Arbeit. Vereinfacht gilt hier: 20.000 € > 12.348 €.

PostenBetragEinordnung
Gesamtbetrag der Einkünfte20.000 €relevant
Grundfreibetrag 202612.348 ۟berschritten
FolgeErklärungspflicht

Ergebnis: Die Erklärung ist abzugeben. Wegen der Einkünfte aus selbständiger Arbeit ist sie in diesem Fall grundsätzlich elektronisch zu übermitteln.

Beispiel 3: Ehegatten ohne lohnversteuerte Einkünfte

Ehegatten wählen keine Einzelveranlagung und erzielen zusammen 30.000 € Gesamtbetrag der Einkünfte. Prüfung: 2 × 12.348 € = 24.696 €; 30.000 € > 24.696 €.

PostenBetragEinordnung
Gemeinsamer Gesamtbetrag der Einkünfte30.000 €relevant
Zweifacher Grundfreibetrag 202624.696 ۟berschritten
FolgeErklärungspflicht

Ergebnis: Die Ehegatten müssen eine gemeinsame Einkommensteuererklärung abgeben, soweit keiner die Einzelveranlagung wählt.

Ausnahmen und Besonderheiten

  • Liegt zwar Arbeitslohn vor, greift aber kein Tatbestand des § 46 Abs. 2 EStG, gilt die Einkommensteuer auf diese Einkünfte durch den Lohnsteuerabzug als abgegolten, § 46 Abs. 4 EStG.
  • Auf Antrag kann die Finanzbehörde zur Vermeidung unbilliger Härten auf die elektronische Übermittlung verzichten, § 25 Abs. 4 Satz 2 EStG.
  • Eine Steuererklärung ist außerdem abzugeben, wenn zum Schluss des vorangegangenen Veranlagungszeitraums ein verbleibender Verlustabzug oder ein nachversteuerungspflichtiger Betrag im Sinne des § 34a Abs. 3 Satz 3 EStG festgestellt worden ist, § 56 Satz 2 EStDV.
  • Auch ohne die typischen EStG- und EStDV-Fälle entsteht die Pflicht, wenn das Finanzamt zur Abgabe auffordert, § 149 Abs. 1 Satz 2 AO.
  • Arbeitnehmer können eine Veranlagung auch beantragen, wenn kein Pflichtfall vorliegt; das ist dann keine Steuererklärungspflicht, sondern ein Antrag nach § 46 Abs. 2 Nr. 8 EStG.

Vorteile

  • klare Rechtslage: Die zentralen Pflichtfälle ergeben sich unmittelbar aus EStG, EStDV und AO.
  • verbindliche Festsetzung: Nach der Veranlagung liegt ein Einkommensteuerbescheid vor.
  • einheitliche Prüfung: Relevante Einkünfte, Freibeträge und Anrechnungen werden in einem Verfahren zusammen betrachtet.
  • digitale Abgabe: In elektronischen Fällen kann die Erklärung standardisiert eingereicht werden.

Nachteile

  • höherer Aufwand: Angaben und Unterlagen müssen vollständig zusammengestellt werden.
  • enge Fristen: Ohne Beratung endet die Regelabgabefrist bereits sieben Monate nach Ablauf des Kalenderjahres.
  • sanktionsbewehrte Pflicht: Verspätungszuschläge sind möglich und in bestimmten Fällen grundsätzlich festzusetzen.
  • geringer Spielraum: Eine Aufforderung des Finanzamts löst die Pflicht auch außerhalb der typischen Regelfälle aus.
HINWEIS DER REDAKTION
Unser Steuerlexikon basiert auf dem jeweils aktuellen Stand von Rechtsprechung und Gesetzgebung zum Zeitpunkt der Erstellung. Da sich steuerliche Regelungen dynamisch entwickeln, können spätere Anpassungen erforderlich sein. Wir verfolgen Änderungen kontinuierlich und aktualisieren die Inhalte regelmäßig. Dieses Lexikon ersetzt keine individuelle Steuerberatung. Bitte konsultieren Sie in spezifischen Fällen einen Steuerberater.


Fazit

Die Steuererklärungspflicht ist eine gesetzlich genau geregelte Mitwirkungspflicht. Für Arbeitnehmer richtet sie sich vor allem nach § 46 Abs. 2 EStG, für Personen ohne lohnversteuerte Einkünfte nach § 56 EStDV; ergänzt wird sie durch § 25 EStG und die Fristregeln der AO. Wer die maßgeblichen Tatbestände kennt, kann schnell unterscheiden, ob eine Erklärung zwingend abzugeben ist oder ob lediglich eine freiwillige Veranlagung in Betracht kommt. Gerade bei Nebeneinkünften, Verlustvorträgen und besonderen Lohnsteuerfällen lohnt deshalb eine sorgfältige Prüfung.

Häufige Fragen (FAQ)

Wer muss eine Steuererklärung abgeben?

Eine Pflicht besteht, wenn ein gesetzlicher Tatbestand erfüllt ist oder das Finanzamt zur Abgabe auffordert. Typische Fälle sind Arbeitnehmer mit Pflichtfällen nach § 46 Abs. 2 EStG, Personen ohne lohnversteuerte Einkünfte oberhalb des maßgeblichen Grundfreibetrags sowie Steuerpflichtige mit festgestelltem Verlustvortrag.

Wann müssen Arbeitnehmer trotz Lohnsteuerabzug eine Erklärung abgeben?

Eine Pflicht besteht insbesondere dann, wenn die positive Summe der nicht dem Lohnsteuerabzug unterworfenen Einkünfte oder der dem Progressionsvorbehalt unterliegenden Leistungen mehr als 410 Euro beträgt, mehrere Arbeitgeber nebeneinander Arbeitslohn gezahlt haben oder besondere Lohnsteuerfälle nach § 46 Abs. 2 EStG vorliegen.

Bis wann muss die Einkommensteuererklärung abgegeben werden?

Für Jahreserklärungen endet die allgemeine Frist grundsätzlich sieben Monate nach Ablauf des Kalenderjahres. Für den Veranlagungszeitraum 2025 ist das regelmäßig der 31. Juli 2026. In beratenen Fällen gilt grundsätzlich der letzte Tag des Monats Februar des zweiten Folgejahres.

Was gilt für Selbständige und Gewerbetreibende?

Bei Einkünften aus Land- und Forstwirtschaft, Gewerbebetrieb oder selbständiger Arbeit ist die Einkommensteuererklärung im Anwendungsbereich des § 25 Abs. 4 EStG grundsätzlich elektronisch zu übermitteln. Auf Antrag kann das Finanzamt bei unbilliger Härte auf die Datenfernübertragung verzichten.

Wie wirkt sich ein Verlustvortrag auf die Steuererklärungspflicht aus?

Ein festgestellter verbleibender Verlustabzug führt dazu, dass für den folgenden Veranlagungszeitraum eine Einkommensteuererklärung abzugeben ist. Dasselbe gilt für einen festgestellten nachversteuerungspflichtigen Betrag im Sinne des § 34a Abs. 3 Satz 3 EStG.

Was passiert bei verspäteter Abgabe?

Es kann ein Verspätungszuschlag festgesetzt werden. Bei Jahreserklärungen ist er grundsätzlich festzusetzen, wenn die Erklärung nicht binnen 14 Monaten nach Ablauf des Kalenderjahres eingeht, soweit keine Ausnahme nach § 152 Abs. 3 AO greift.

Wann ist die Abgabe freiwillig statt verpflichtend?

Wenn kein Pflichtfall vorliegt, kann bei Arbeitnehmern dennoch eine Veranlagung beantragt werden. Dann handelt es sich nicht um eine Steuererklärungspflicht, sondern um einen Antrag nach § 46 Abs. 2 Nr. 8 EStG.

Quellen

  • Einkommensteuergesetz (EStG), § 25 Veranlagungszeitraum, Steuererklärungspflicht, gesetze-im-internet.de, abgerufen am 25.03.2026. (Gesetze im Internet)
  • Einkommensteuergesetz (EStG), § 46 Veranlagung bei Bezug von Einkünften aus nichtselbständiger Arbeit, gesetze-im-internet.de, abgerufen am 25.03.2026. (Gesetze im Internet)
  • Einkommensteuergesetz (EStG), § 32a Einkommensteuertarif, gesetze-im-internet.de, abgerufen am 25.03.2026. (Gesetze im Internet)
  • Einkommensteuer-Durchführungsverordnung (EStDV), § 56 Steuererklärungspflicht, gesetze-im-internet.de, abgerufen am 25.03.2026. (Gesetze im Internet)
  • Abgabenordnung (AO), § 149 Abgabe der Steuererklärungen und § 152 Verspätungszuschlag, gesetze-im-internet.de, abgerufen am 25.03.2026. (Gesetze im Internet)
  • Bundesministerium der Finanzen, Lohnsteuer-Hinweise 2026 zu § 46 EStG, bundesfinanzministerium.de, abgerufen am 25.03.2026. (Bundesministerium der Finanzen)
  • Bundesministerium der Finanzen, „Die wichtigsten steuerlichen Änderungen 2026“, bundesfinanzministerium.de, abgerufen am 25.03.2026. (bundesfinanzministerium.de)

Über unsere*n Autor*in
Kirsten Weißbacher
Kirsten hat Germanistik in Hamburg studiert und im Anschluss ein Volontariat gemacht. Nach ihrem Start in der Unternehmenskommunikation eines lokalen Herstellers wechselte sie in die freiberufliche Tätigkeit. Seit Februar 2024 ist Kirsten bei Digitale Seiten und schreibt dort Ratgeber zu Handwerksthemen aller Art.